Die pädagogiſche Bewegung in Deutſchland
1. Es ſoll hier die pädagogiſche Wirklichkeit dargeſtellt werden, in der wir mitten inne-
ſtehen, ihr Aufhau, ihre Tendenzen und die Zorm, auf die wir ſie ſid) entwideln ſehen,
und es ſoll verſucht werden, das ſo objektiv zu leiſten wie möglid). Man meint gern,
die Gegenwart ſei nicht wiſſenſchaftlich zu behandeln, weil wir ſelbſt in ihr mitkämpfen.
Aber alle hiſtoriſche Arbeit iſt im Grunde Vergegenwärtigung, und an dieſer Dergegen-
wärtigung iſt die eigene Perſon unentrinnbar und entſc<heidend beteiligt. Es lann ſid)
nur darum handeln, ſo gerecht wie möglid) zu ſein und den Gegner mindeſtens ſo ernſt
zu nehmen wie ſich ſelber. Dann wird es aud) hier gelingen, mitten im Kampf
die weiteren Zujammenhänge der Bewegung, ihre Quellen und Ziele, ihre Phaſen
und ihr eigentliches Drama zu erkennen und, indem man ſo das verborgene Syſtem
dieſes Lebens heraushebt, ſeinen tieſſten Willen zu klären.
Wenn man die pädagogiſche Bewegung in Deutſchland verſtehen will, wird man ſie
in dem allgemeinen Zuſammenhang der kulturellen Bewegungen ſehen müſſen, in dem
ſie mit allen ihren Einzelſtrömungen ſelbſt dod) wieder nur eine Welle iſt, eine Bewegung
neben andern größten hiſtoriſcen Ausmaßes, dem Sozialismus, der Inneren Miſſion,
der Srauenbewegung, der ſozialpolitiſchen Bewegung, der nationalen Bewegung, um
nur die wichtigſten zu nennen, die ſeit der Revolution und ſeit der Deutſchen Be-
wegung Curopa in item halten. Jede dieſer Bewegungen hat ihren eigenen Cinſaß,
ihre eigene Struktur, ihre eigene pädagogiſche Konſequenz, und man verſteht die tiefen
Spannungen in unſerer Pädagogik, in der ſic) am Ende alles ſammelt, nur, wenn man
ſich dieſen Hintergrund deutlich gemacht hat, aus dem und demgegenüber ſie ſid)
entwidelt.
Es iſt dann eine der wichtigſten Cinſichten für das Derſtändnis ſolder Entwidlungen,
daß derartige Bewegungen nicht unmittelbar frei aus der Fülle eines Ideals utopiſd)
herausbredzen, ſondern ſich einer Not gegenüber ſammeln. Die Züge dieſer Not in ihrer
ganzen grauſamen fonkreten Geſtalt bedingen die Reaktion des Lebens, und jede einzelne
ideale Wendung in ihr iſt gerichtet gegen eine ganz beſtimmte reale Schwierigkeit.
Hinter den Bewegungen des 19. Jahrhunderts ſteht die neue ſoziale, ſittliche und
geiſtige Uot unſeres Dolkes, die dur) die Entwieklung der Induſtrie, der Großſtädte, der
Arbeits- und Wohnverhältniſſe, aber aud) die naturwiſſenſchaftliche AKuſklärung und
die Entwieklung der Spezialwiſſenſchaften über die Seelen hereingebrochen iſt. In
dieſem Prozeß ging der Selbſtwert des Subjekts verloren; der Menſch, der nur nod)
nad) ſeiner Leiſtungskraft gewürdigt wurde, wurde zur Maſſe, und alle Bindungen
ſeines ſozialen Daſeins löſten ſic auf. Parallel damit ging aber aud) eine geiſtige Ent-
widlung, in der das Hhumanitätsideal unſerer klaſſiſchen Welt zerſtört wurde. Niederer
ſchrieb ſchon 1800 an Peſtalozzi : „Dieſer Sinn ſür individuelle Menſc<heit hat ſid)
unter den großen Geiſtern unſerer Zeit verloren; daher ſind ſie Wohltäter für die
Wiſſenſchaften und nicht für den Menſchen." In der Ethik unſeres Idealismus wie
in der Tendenz der hiſtoriſchen Schule lag eine Richtung auf die Derherrlichung
der objeltiven ſittlichen Welt und eine Bereitſchaft, das Subjekt zu Gunſten der