Das Derhältnis von Theorie und Praxis 15
und er wird ſeine einſeitige Entſcheidung aus der konkreten Lage retfertigen
müſſen und verſuchen, den Gehalt des andern Idcals in ſeiner Löſung zu bewahren.
Wie die geſchichtliche Arbeit erſt in der Gegenwart endet, ſo endet au die ſyſtematiſche
Arbeit erſt in der Begründung der neuen Syntheſe. Soviel Perſönliches dabei unter-
laufen mag: ohne dieſes lebendige Ziel wäre die Wiſſenſchaft wirklich, wie Spranger
einmal ſchön ſagt, „eine Danaidenarbeit, unvollendbar und hoffnungslos". So ergibt
ſich hier aber eine dritte zirkuläre Bewegung, nämlich die von der Theorie zur Praxis
und umgekehrt. Weil die ſuſtematiſche Beſinnung, Erinnerung und Phantaſiebild der
Zukunft, dem Leben und Tun immanent iſt, ſteht nicht ein freiſchwebendes Denken
einem fremden Stoff gegenüber, ſondern jede Beſtimmung oder Entſcheidung der Praxis
iſt ſelbſt die Reſultante einer individuellen Anſchauung und allgemeiner Einſichten --
„die vollkommene Praxis ſchließt" wie Shleiermacdcer ſagt „vollkommene Cin-
ſicht in die Verhältniſſe in ſich“ =- und das Ideal der Theorie erhebt ſich aus der Praxis,
indem ſie vieſe formuliert, begründet und inihren Konſequenzen entwidelt. Weil aberin
ſolHher Formulierung immer aud) ein konſtruktives Moment ſtet, das die Mannigfaltig-
keit des Gegebenen zur Löſung der Situation organiſieren ſoll und do) nie völlig
erfaßt, das Allgemeine die individuellen Anſchauungen nie ganz aufzulöſen vermag,
und weil immer die Kluft beſteht zwiſchen Viſion und Wirklichkeit, ſo bleibt aud)
immer eine Spannung zwiſchen Theorie und Praxis, in der Pädagogik wie auf allen
andern Gebieten des ſchöpferiſchen Lebens.
II. Die Autonomie der Pädagogik.
1. Die EmanzipationsbewegungderPädagogik
Jede Kulturfunktion hat ſich langſam aus den Bindungen von Nir<he, Staat und Stand
befreien und das Recht ihres eigenen Weſens erkämpfen müſſen. Die Klarheit über den
Selbſtſinn eines geiſtigen Gebietes gibt dann erſt das Mittel, ſeine Leiſtungen rein aus
ſeinem eigenen Zentrum zu begründen, und iſt meiſtens mit einem großartigen Auf-
ſchwung der Produktion verbunden. Das gilt für das Recht, die Wiſſenſchaft oder die
Uunſt und vor allem aud) für die Erziehung. Ihr iſt dieſe Emanzipation am ſpäteſten
gelungen, und ſie muß aud) heute noh um ſolche Anerkennung ihres eigenen Charakters
und die Zeſtſtellung ihres Weſens ringen, ohne die ſie dody hilflos dem Dru der anderen
Mächte ausgeliefert iſt, die ſie alle für ſich in Dienſt nehmen wollen. Die Weltanſchau-
ungen oder eigentlich richtiger ihre Organiſationen möchten die Pädagogik nur als aus-
führendes Organ gelten laſſen. Der Erzieher iſt dann einſeitig der ſubalterne Beauf-
tragte der Kirche oder des Staates oder gar einer Partei. Angeſichts des grauſamen
Kampfes dieſer Mächte und der Weltanſchauungen, die hinter ihnen ſtehen, kommt es
heute mehr als je darauf an, daß die Pädagogik den Ort findet, der ſie in ge-
wiſſem Sinne unabhängig von ihnen macht, ihr eine Arbeit aus eigenem Recht
erlaubt und damit Selbſtbewußtſein, Würde, aber auch Zuſammenhang und Fortſchritt
ermöglicht.
Alſo die Beſtimmung der ſelbſtändigen Stellung der erzieheriſchen Arbeit und Lebens-
form im Zuſammenhang der Uultur, der Aufweis ihres eigentümlichen Weſens und
fhrer Leiſtung für das Ganze, das iſt die erſte Aufgabe einer Theorie der Bildung. Er-
kennt man ſie als ein eigentümliches Phänomen an, dann muß ſich dieſes Eigentüm-
liche in ſeiner eigenen Seinsweiſe (Daſeins- und Zunktionsweiſe) ſichtbar machen und