103 Amerifa (Latein-) (Bildung3s8weſen) -- Analyje und Syntheje 104
anfertigen zu laſſen. Die Bundesregierung von Mexico
hat eine ganze Reihe von neuen Schulgebäuden nach
einem Typus errichtet, der e3 beſonder3 erleichtert, den
Gedanken der Arbeitsſchule zu praktiſcher Anwendung zu
bringen. Es ſind die dort ſogenannten „Freiluſtſchulen",
die mit offenen Unterrichtöshallen, Werkſtätten, Schul=
geräten ausgeſtattet ſind. Im gleichen Lande werden
den Schülern Schlafzelte und Torniſter geliefert, die für
Schulausflüge verwendet werden, damit der Unterricht
in Erdkunde und Naturgeſchichte zu einem Teile in Form
von eigenen Studien der Schüler in der Natur durch=
geführt werden kann. Daß Werkunterricht und Garten=-
arbeit ſic) in den Primär- und Sekundärſchulen Latein-
amerikas immer mehr ausbreiten, iſt bereit8 oben in
anderm Zuſammenhange dargelegt worden. Bis in die
Kindergärten iſt der Grundjaß der Freitätigkeit ein-
gedrungen. Die Verwendung der lange Zeit üblichen
Fröbelichen „Gaben“ wird mehr und mehr aufgegeben,
mit der Vegründung: „für die Kinder iſt die beſte Gabe
die Natur“; an ihre Stelle treten die Methoden von
Montejjori und Decroly.
Zndeſſen ſind auch auf dieſem Gebiet die Be-
jtrebungen noch weit von ihrer vollkommenen
Verwirklichung entfernt. Verbalizmus und For-
maliSmus jind zu tief eingewurzelt, um ſich leicht
verdrängen zu laſſen. Und daran frantt nicht nur
die intellektuelle Erziehung. Auch für die
moraliſche Erziehung wird zu viel von dex
Crlernung von Maximen, von wörtlichen Ver-
ſicherungen und von der Beherrſchung äußerer
Formen erwartet.
3n methodiſcher Hinſicht dürſte am meiſten die
körperliche Erziehung befriedigen. Zm
Turnen hat man ſich zu einem Teile an das
deutſche Syſtem, zum vielleicht noch größeren
an das ſchwediſche angeſchloſſen. Jm Sport gilt
da3 engliſche Vorbild; auch Verbände von Boy-
Scouts ſind in einer ganzen Reihe latein-
amerikaniſcher Länder organiſiert worden. --
Während der Mangel geeigneter Schulgebäude
manche geſundheitliche Unzuträglichtfeiten jür
die Schüler mit ſich führt, beſteht anderſeits faſt
in allen Ländern ein ſchulärztlicher Dienſt, für
den aud) ſchon einige Polikliniken und Schul-
zahnktlinifen zur Verfügung ſtehen. Doch erſtreckt
er jich noch bei weitem nicht auf alle Schulen.
Wenn es ganz allgemein gilt, daß für die Ent-
widlung des heranwachſenden Menſchen die
Einjlüſje der Familie den ſtärkſten Ausſchlag
geben, jo trijft das in beſonderem Maße in
Lateinamerika zu. Denn dort hat die Familie
noch patriarchaliſchen Charakter bewahrt und
hält ihre Glieder in viel ſeſteren Banden als bei
uns, während anderjeits die Rolle der Schule ja
durc) ihre unzureichende Ausdehnung jehr be-
jchränkt iſt. Bei dieſer Sachlage iſt es dringend
erforderlich, daß zwiſchen Schule und Haus
eine enge Verknüpfung hergeſtellt wird. Cben
Dieje ijt aber nur zu einem jehr geringen Teile
vorhanden, was um jo mehr zu bedauern iſt, als
die hänsliche Erziehung im allgemeinen wenig
pädagogiſch eingeſtellt if.
C.ternbeiräte von der Art der nachrevolutio-
nären deutſchen Einrichtung ſind nirgends vor-
handen. Manche Länder geſtehen wenigſtens für
einen Teil der Schulen-- vornehmlich Mädchen-
ſchulen --- dem Publikum, das die Schülerſchaft
ſtellt, eine gewijje Teilnahme an der Schul-
verwaltung zu. Zu dieſem Zwecke ernennt die
Behörde Elternausſchüſje, die auf die Geſtaltung
der Lehrpläne, die Verwendung der Schulfonds
und die Durchſührung der SchuldiSziplin Einfluß
haben. Zu ausgeprägt erziehlichen Zwecken hat
neuerdings die UnterrichtSbehörde der Bunde3-
regierung in Mexico die Gründung von Eltern-
vereinigungen herbeigeführt. Dieſe machen ſich
die materielle und moraliſche Unterſtüßung der
Schule zur Auſgabe. Im Jahre 1926 beſtanden
allein im mexicaniſchen Bunde3diſtritt in Ver-
bindung mit den Volksſchulen 92 ſolcher Zu-
jammenj<lüjje; auch das Bublifkum der höheren
Schule iſt zu ihrex Bildung übergegangen. E38
wäre zu wünjchen, daß dieſe Einrichtung überall
Sitte würde. Denn durch ſie könnte die verhält-
niömäußig beſcheidene Wirkung, die die Schule
heute in Lateinamerika au38zuüben in der Lage
iſt, von der Familie her verſtärkt und jo das Werk
der SollöSerziehung durch beide Mächte mit ver-
einter Kraſt wirkljamer als biSher geſürdert
werden.
Literatur. Die amtlichen Lehrpläne und Beſtim-
mungen für die einzelnen Schularten jedes Lande3. =
Die jährlichen „Memorias“ der zuſtändigen Miniſterien ;
beſonder3 wertvoll, da ſie meiſt die in der Praxis vor-
handenen Mängel ſcharf hervortreten laſſen. -- Die jähr=-
lichen „Reports of the Commiggioner of Education“,
Wajhington. -- Da3 „Bulletin“ des „International
Bureau of American Republies“, Wajßhington. =-
Zeitſchrift „Iberica“ de8 „Ibero-Amerikaniſchen In=
ſtitut8“, Hamburg, =- W. Mann: Volk und Kultur
RKateinamerika3 (1927). Mani.
Amerika (Nord-) ſ. Vereinigte Staaten von
Nordamerita (Bildung3wejen).
Analyſe und Syniheſe. In manchen Fällen iſt
die Analyſe (Auflöſung, Zergliederung) bloß die
Umfehrung der Syntheſe (Zujammenſeßung,
Verbindung). Wir löſen dann auf, was wir
jelbſt vorher mit Bewußtſein verbunden ha-
ben. Wenn wir in die Lage kommen, einen
un3 durchaus vertrauten, durch Syntheje er-
worbenen Begriff (jſ. Art. „Begriſſ“, Ab]. 4)
Definieren zu müſjen, etwa den Begriff „Pa-
rabel", jo werden wir, wenn wir die Deſini-
tion nicht mehr im Gedächtnis haben, den
Begriſſ zergliedern müſſen. Wir werden etwa
nacheinander ſeſtſtellen, daß die Parabel eine
zu ven Kegeljchnitten gehörige Kurve iſt, daß
bei ihr die Entfernung aller ihrer Punkte von
einem Brennpunkte eine Rolle ſpielt, ebenſo ihre
Entfernung von einer Geraden, der Direktrix,
daß dieſe Entſernungen in einem ſeſten Verhält-
nis zueinander ſtehen, endlich, daß die Ent-
jernung jedes Punktes von der Direktrix gleich
Der Entfernung von dem Brennpunkt ſein müſſe.
Eine ohne ſorgſältige Analyſe unternommene
Deſinition wird leicht zu weit werden. Noch