1145 Entſchiedene Schulreformer
Familien zu beſeitigen. Gerade der Wirtſchaſts-
bedarf der Angehörigen der Produktionöſchule
gibt die beſte Gelegenheit, die Zöglinge in den
angegliederten Gärten und Werkſtätten, im
Stall und auf dem Feld, dann auch in der Ein-
kauſ8- und Konjumgenojjenjchaft unter Selbſt-
verwaltung in „ſinnvoll ſich erweiterndem und
ſteigerndem Schaffen“ zu beſchöſtigen. Aud)
bei den zentralen Kraſtanlagen für Licht, Ma-
Ichinen, Bewäſſerung und Beaderung ſoll die
Jugend „Hilfe und Verwaltung von Jahr zu
Jahr ſteigend übernehmen, bis ſie immer auto-
nomer geworden iſt, ihre Selbſtverwaltung und
Selbſterhaltung ſtets tiefer verwurzelt und wei-
ter verzweigt und ins Leben hinein ſich gefeſtigt
hat, und bi3 die ſelbſtändige Zelle eines Tages
jich loSlöſt, weil ſie ſich erhalten kann". Jn dieſer
„Schule des Ausgleichs zwiſchen ſchöpferiſchem
Drang und zwehaſter Leiſtung“ wird die Über-
brücfkung der Kluft zwiſchen den verſchiedenen
Berufen und ein wirkliches Verſtehen zwiſchen
den fünftigen Akademikern und Handwerkern
am ſicherſten angebahnt werden. Alles, was an
„eine Boſen-Stuben-Drilljchule toter Rezep-
tivität" erinnert, iſt in dieſer neuen Produktions3-
ſchule natürlich ebenſo wenig am Plaß wie Prü-
fungen und Zenſuren, die „durch Selbſtein-
jchäßung zu erjeßen“ ſind. Dank der Freiwillig-
keit der Arbeit verſpricht man ſich Leiſtungen
„nicht etwa in derſelben Menge wie bei der bi3-
herigen Schule, nein, in doppelter Menge".
Wenn die verſchiedenen Lehrergruppen zu einem
einheitlichen Stand verſchmolzen ſind, der engſte
Fühlung zu den Bedürfniſſen des Lebens und
der Jugend hat und ſich durch Kräfte auch des
praktiſchen Leben3 ergänzt, erſcheint das Ge-
deihen der Broduktionsſchule verbürgt, ja es
könnten ihr dann die wirtſchaftlich-ſoziale Geſtal-
tung des Volksölebens und die beſonderen ſo-
zialen VolkSaufgaben unbedenklid) eingegliedert
werden. Das Jdealbild zeigt dann an der Peri-
pherie der Großſtädte oder in der Mitte eines
Landbezirks Schulen „in niedrigen Einzel-
häuſern zwiſchen Gärten, Wieſe, Feld, wenn es
geht, am Waſſer“ und daneben Entbindung3-
häuſer, Kinderkrippen, Kindergärten, Rettungs-
ſtationen, Rechtsberatungsſtätten uſw. Ent-
jernung von den Elternhäuſern ſpielt keine Rolle,
da ein eigenes Schulauto, wenn nötig, dieſes
Hemmnis ſpielend überwindet.
5. Zur Kritik, Groß und ſtark ſind die ent-
ſchiedenen Schulreſormer zweifellos in der
Kritik; die praktiſchen Vorſchläge gehören viel-
Jach in das Reich der Utopien, und bei manchen,
die ſie als ganz neu anſehen, wird man an das
Goethewort gemahnt: .
„Das junge Volt, es bildet ſich ein,
ſein Tauftag müßte der Schöpfungstag ſein.
Möchten ſie doch zugleich bedenken,
wa38 wir ihnen al8 Eingebinde ſchenken.“
= Entwidelnder Unterricht
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Voll anerkennen muß man den entſchiedenen
Kampf gegen den einſeitigen Jntellektualismus,
die rein mechaniſche Arbeit und das Schulgeld
und ebenjo ihr Eintreten ſür die Erziehung vom
Kinde au3 und die Nſlege des ſozialen Geiſtes bei
weitgehender Berückſichtigung der individuellen
Anlagen. -- Bedenklich ſtimmt ſchon die Auſ-
hebung de38 Klaſſenſyſtem38, die grundſäßliche
Koedukation, die Ejperantobegeiſterung und die
Forderung der Öffentlichkeit de8 Unterrichts und
des wechſelnden Direktoriums. -- Unbedingt
verwerſen aber muß man die Neigung zu kühnen
Utopien, die Hineintragung politiſcher und par-
lamentarijcher Dinge in die Schule in Form der
Selbſtverwaltung und der Schulgemeinden und
die grundſäkliche Ausſchaltung der Religion aus
der Schule, womit einer der wichtigſten Er-
ziehungsfaktoren prei8Sgegeben wird, ferner die
Überſchäßung des Eigenrechts der Jugend, der
man eine gerechte Selbſtausleſe zutraut und un-
bedenklich geſtattet, Eltern und Lehrer zu über-
ſtimmen, und andererſeits die Unterſchäßung der
lebendigen Lehrerperſönlichkeit, von der doch
lezten Endes Wohl und Wehe der Schule ab-
hängt.
Literatur. Die neue Erziehung (1919 ff.) --
Paul Oeſtreich: Entſchiedene Schulreform (1920); Zur
Produktionsſchule (1920); Die Schule der Volkskultur
41923); Die elaſtiſche Einheitsſichule (19232); Lebens-
und Produktionsſchule (1923; hier S. 58f. weitere
Literatur). =“ Siegf. Kaweratt: Der Bund ent-
ſchiedener Schulreformer (1922). --- Franz Hilfer:
Deutſche Schulverſuche (1924). Nebe,
Entwittelnder Unterricht. 1. Entwitkelnder Un-
terricht im engeren Sinn. Wie die meiſten päd-
agogiſchen Begriffe iſt auch der des entwickelnden
Unterricht38 ein etwas ſchillernder; eine bedeut-
ſame Nolle ſpielt er erſt ſeit den Tagen Ziller8.
Dieſer knüpfte an Gedankengänge Herbart3 über
den darſtellenden Unterricht in dem eigentlichen
Sachunterricht (Natur- und Erdkunde, Geſchichte
und epiſche Dichtung) an. Was hier der ſinn-
lichen Anſchauung zugänglich iſt, weil es .un-
mittelbar im Erfahrungskreis der Schüler liegt,
wird naturgemäß durch analytiſchen Anſjchau-
ungsunterricht übermittelt, dex von der rohen
Geſamtvorſtellung ausgeht, ſie durch Zexr-
legung in die Einzelteile klärt und dann zu einer
gereinigten Geſamtvorſtellung führt. Was da-
gegen der Fremde und Vergangenheit angehört,
erſordert nach Herbart da3 mitteilende Wort, die
Beſchreibung und Erzählung, die entweder auf
Grund einer vorliegenden klaſſiſchen Darſtellung
oder durch die freie, ſelbſtändige Schilderung und
Erzählung des Lehrers erfolgt, jedenſall3 aljo auf
ſynthetiſchem Wege. Dieſe bloß darſtellende
Lehrart hat ihrer Natur nach „nur ein Geſeß:
jo zu beſchreiben, daß der Zögling zu ſehen
glaube", oder auf das Geſchichtliche übertragen,
jo aiſchaulich, klar und lebendig zu erzählen, daß
in dem Zögling die Täuſchung entſtehe, als ob