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kann man die hübſche Baradoxie gelten laſſen,
die Menſchheit ſei determiniert zum Jndeter-
mini8mus. Daß man die intellektuellen Mög-
lichkeiten ver Wahl mit den für den Willen ge-
gebenen Möglichkeiten nicht verwechſeln darf,
iſt jchon hervorgehoben; aber nicht beſtreiten
läßt ſich, daß, wo immer der Gedanke ſich geltend
macht, eiir Sphäre der Freiheit entſieht, die
mit der Theorie des D. unvereinbar iſt. Indem
Gedanke und Forſchung ihren eigenen Geſetzen
folgen, alle jachfremden Motive ausſchalten,
bildet ſich Wiſſenſchaft, bildet ſich die Jdee der
Wahrheitöerkenntnis. Wollte man auf den Jn-
teliekt die Konſequenzen des D. mit derſelben
Folgerichtigkeit anwenden, wie auf den Willen,
jv wäre es mit jenem Reiche der Idee zu Ende.
Wir hätten dann im Denkakt das Schlußergebnis
irgend welcher gleichgültiger Umſtände, nicht
aber etwas, das Wahrheit zu jein beanſpruchen
dürfte. Gleiche Freiheit behält prinzipiell der
Intellekt auch dort, wo er in den Willen8vorgang
eintritt. Eine ſür Ethif wie Pädagogik entſchei-
dend wichtige Frage iſt es, unter welchen pſycho-
logiſchen Vorausſezungen der Intellekt in dem
Willen3vorgang ſich durchzuſeßen, alſo dieſen zu
einem freien zu geſtalten vermag. Erſichtlich iſt
das nur möglich, wenn eine freie Entfaltung des
Denkens nach ſeiner eigenen Geſezmäßigkeit
ſtattſindet. Abgeſehen von anormalen geiſtigen
Zuſtänden kann dieſe durch Angſtgefühl, durch
ſtarken SinneSreiz, durch faſzinierende Einflüſſe
des jozialen Milieu38 unterbunden ſein. Dem
gegenüber iſt e3 ein Zeichen der Reife und
Selbſtändigkeit des Charakters, wenn er auch
unter jc<wierigen Umſtänden ſich die ruhige
(Erwägung der Situation und ſeiner eigentlichen
Ziele zu wahren weiß. Erſt mit dem Erwerb de3
Charakters, d. h. eines einheitlichen Handelns
von innen her, entzieht ſich der Menſch den de-
terminierenden Einflüſſen ſeiner Naturbeſchaf-
ſenheit. Darum wird es ein wichtiges Anliegen
er Erziehung ſein müſſen, die Charakterbildung
zu beſördern, was ohne die Einpflanzung von
Grundſäßen, die zugleich Pietät erwecken und al8
liebenSwerte Jdeale anſprechen, nicht möglich iſt.
Jndes iſt der Charakter als ſolcher noch ethiſch
indifferent, gut oder böſe. Wir ſchreiten zu der
Frage ſort, unter welchen pſychologiſchen Be-
dingungen die Wahl zwiſchen gut und böſe ſteht.
(83 iſt klar, daß die eben beſprochenen intellektu-
ellen Vorausjezungen auch hier gelten. Aber
wir müſſen eine zweite Bedingung hinzunehmen;
dem Heere der allgemeinen intellektuellen Er-
wägungen, die größtenteils doch nur ſelbſtſüch-
tiger Art ſind, müſſen ethiſche zur Seite treten,
die ſtar? genug in dem Weſen de3 Menſchen ver-
ankert ſind, um ihre Berüdſichtigung durchzu-
jezen. Solche gibt es in den eigentümlichen Ge-
jühl8zuſtänden des Gewiſſens. Es iſt bekannt,
wie erſchütternd die Anklagen de38 Gewiſſens
Determinis8mus3 uſw. -- Deutſche Oberſchule
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wirken; die Geſchichte des geiſtigen Lebens ge-
rade auf ihren Höhepunkten bezeugt es, aber
auch die ärztliche Erforſchung des Seelenlebens
hat neuerdings zur Beſtätigung de8 Sachver-
halt3 und zu jeinem Verſtändnis lehrreiche Bei-
träge gelieſert. Darum muß ſittliche Erziehung
'vor allem auf Klärung, Reinigung, Stärkung
des Gewiſſens ausgehen, weil erſt hiermit die
Grundvorausjezung ſittlicher Willenzentſchei-
dung gegeben wird. Allerdings iſt die Möglich-
teit der Entſcheidung für das Gute, der hiermit
einjekende Kampf, noch nichts weniger als mo-
raliſche Freiheit, da ſie vielmehr ein Zeichen der
inneren Schwankung, aljo moraliſche Unfreiheit
iſt. Ziel der Sittlichkeit iſt vielmehr, daß das
Böje aufhört, verführeriſch zu ſein, daß aljo nur
noch die Möglichkeit für das Gute beſteht. Aber
den Weg des Menſchen von ſinnlicher Unfreiheit
zu wahrer Freiheit zeigt eben die freie Entſchei-
dung zwiſchen dem Guten und dem Böſen.
Literatur. Das Problem wird in jeder Darſtel-
lung der Ethif oder ihrer Grundprobleme behandelt.
An Sonderdarſtellungen ſeien nur folgende genannt:
Wilh. Heuer: Kauſalität und Willensfreiheit (1924). --
Karl Joel: Der freie Wille (1908). -- Max Krieg:
Der Wille und die Freiheit in der neuern Philoſophie
(1898). = G. T. Lipp3: Das Problem der Willen3-
freiheit (19192), -- Fr. Medicus: Die Freiheit des
Willen3 und ihre Grenzen (1926). --- Aug. Meſſer?
Das Problem der Willensfreiheit (19228). --- Peterſen:
Willensfreiheit, Moral und Strafrecht (1905). --
Max Plan: Kauſalgeſetz und Willensfreiheit (1923).---
Joh. Nehmke: Die Willen3freiheit (1911). -- W. v.
Rohland: Die Willensfreiheit und ihre Gegner (1905).
-= Arn. Rueſc: Die Unfreiheit des Willens. -“- G.
N unze: Willensfreiheit (Nealenzyklopädie für proteſtan»
tiſche Theol. u. Kirche [*]). -- A. Titius: Pſychiatrie und
Ethik (1918). -- Wilh. Windelband: Über Willen3=
freiheit (1923*). =- Eine Einführung in die im Artikel
angedeuteten naturwiſſenſchaftlichen Theorien gibt mein
Buch) „Natur und Gott“ (1926). Titins.
Deutſche Oberſchule, |. auch „Höheres Schul-
wejen“u. da3Bildungs8weſen der Länder.
1. Geſchichtliches. 2. Weſen der Deutſchen
Oberſchule. 3. Gegenwärtiger Stand der
Verbreitung ver Deutſchen Oberſchule.
1. Geſchichtliches. Die Einrichtung der „Deut-
ſchen Oberſchule" iſt der vorläufige Abſchluß einer
Entwicklung, die bis in das vorige Jahrhundert zu-
rückreicht. Mit der Monopolſtellung des Gymna-
ſiums brach die Schulkonferenz von 1900, nachdem
tatjächlich ſchon jeit Jahrzehnten andere Schul-
typen (Realgymnaſium und Oberrealſchule) ent-
ſtanden waren und den Beweis erbracht hatten,
daß eine zur Hochſchulreife führende Bildung auch
auſ anderen Wegen als durch das humaniſtiſche
Gymnaſium möglich ſei. Die Bedeutung des Er-
laſſes vom 26. November 1900, der die weſentliche
Folgerung aus den Verhandlungen der Schul-
konferenz zog, beſtand eben darin, daß die Gleich-
wertigkeit der damals allein inbetracht kommen-
den jehr verſchiedenartigen drei Wege, durch
das Gymnaſium, das Realgymnaſium und die
Oberrealjchule, in aller Form anerkannt wurde.