Full text: Abhärtung - Exzentrisch (1)

657 Bildungsiveal u. Bildungsziele -- Bildungs8programme uſw. 658 
ÄT 
u. dgl. nur ſachlich aufgeſaßt werden können und 
müſſen, wenn ſich normalerweije damit auch ein 
Werterleben verbindet, daß aber die religiöſen, 
ethiſchen, ſozialen, öſthetiſchen Werte überhaupt 
nur erfaßt werden, indem ſie -- im fühlenden 
Bewußtſein -- als Werte erlebt werden, daſ 
alſo bei dieſen Werten dex individuelle Bildungs- 
gewinn ganz weſentlich von der allgemeinen 
Richtung des perſönlichen Wertleben3 abhängt. 
Freilich ergeben ſic) daraus keine abjoluten 
Hinderniſſe; denn es ſteht immer bei dem Men- 
jchen ſelbſt, wie er jein Wertleben geſtalten 
will und geſtaltet. -- 
(E3 ſind das alles reale Ziele, von denen hier 
die Rede war, weil ſie alle mit dem wirklichen 
Verlauf der Bildungsprozeſſe verknüpft ſind; 
die gefühlsmäßigen Erlebniſje und die willen3- 
mäßigen Selbſtentſcheidungen ſind nicht weniger 
real als die logiſchen Erkenntniſſe und die tech- 
niſchen Fertigkeiten. Aber wir jahen doch, mit 
welchen Unvollkommenheiten in dem Erſtreben 
und Erreichen dieſer Ziele gerechnet werden 
muß, und die gleichen Unvollkfommenheiten 
müjjen wir bei den Endzielen hinnehmen, die 
dem ganzen Bildungs8weg eines Menjc<hen oder 
ſeinen einzelnen Abſchnitten geſeßt ſind. Um 
jo “weniger kann aus all diejen Bildungszielen 
eine Realiſierung des BildungzSideals erwachſen; 
die ideale Wertgeſtalt des Menſchen verwirklicht 
ſich nicht durch eine Addition von einzelnen 
Bildungsergebniſſen. Es gilt alſo für den Er- 
zieher, nach dem Höchſten zu ſtreben und doch 
auch ſich zu beſcheiden; beides zuſammen iſt erſt 
die Summe der pädagogiſchen Weisheit. -- 
Literatur ſ. bei Art. „Bildung“. Schwartz. 
Bildungsprogramme der politijehen Parteien. 
Seit der Umwälzung von 1918 haben ſich alle 
politiichen Parteien Deutſchlands neue Pro»- 
gramme geſchaffen. Der Natur der Sache und 
der beſonderen Wetenöart der Deutſchen ent- 
ſprechend, ſind alle dieſe Programme aus be- 
jtimmten Weltanj<haungsböden herausgewach- 
ſen, und ſie gipfeln mehr oder weniger deutlich 
in der Auſſtellung von Leitbildern für die Kultur- 
geſtaltung. Sie enthalten darum auch (mit Aus- 
nahme des kommuniſtiſchen) beſtimmte For- 
derungen für das Erziehungöswejen. Gerade 
dieſe Forderungen gehören in den politiſchen 
Kämpſen der Gegenwart zu den beſonder3 heiß 
umſtrittenen. =-- Jm Nachſolgenden werden die 
„Bildungsprogramme“ der"einzelnen Parteien 
im Wortlaut mitgeteilt. 
1. Bayeriſc<<e Volköhartei (aus dem Pro- 
gramm vom Dezember 1918). 4. Die Bayeriſche 
Volkspartei ſteht in allen Fragen der Kultur auf 
dem Boden der <riſtlichen Weltanſchau- 
ung. Sie verlangt volle Freiheit aller Kon- 
feſſionen und ihrer Einrichtungen, ſowie gleich- 
mäßige Berückſichtigung der Anſtalten und An- 
gehörigen aller Konſeſſionen, in3beſondere bei 
 
Bereitſtellung öfſentlicher Mittel und bei Ver- 
ſeihung öffentlicher Ämter. 
Die Bayeriſche Volkspartei wird mit allem 
Nachdrud eintreten für den Schuß der Che und 
der Familie, ſowie für die religiös-ſittliche Er- 
zieyung der Jugend in konfeſſionellen 
Schulen. 
2. Deutſche Demokratiſche Partei (aus dem 
Programm vom Dezember 1919). 1. Schule, 
Unterricht und Erziehung. Eckpfeiler de3 
Kulturſtaates iſt die Schule. Lehrfreiheit und 
Lernſreiheit ſind die Grundrechte unſerer geiſti- 
gen Verfaſjung. Zu den leben5s- und ſtaatsnot- 
wendigen Kenntniſſen, zur Sitten- und Charak- 
terbildung und zur körperlichen Tüchtigkeit ſoll 
die Schule verhelfen; ſie befriedige das Anrecht 
eines jeden auf eine Erziehung, die jeinen Fähig- 
keiten und ſeinem Bildungswillen entſpricht. 
Sie begeiſtere alle zu höchſten Leiſtungen und 
ſchaffe dadurch auch dem Volke die Führer. 
Schulpflichtig iſt die deutſche Jugend bis zum 
14., lernpflichtig bis zum 18. Lebensjahre. Dar- 
über hinaus iſt eine Möglichkeit der Fortbildung 
zu geben, die die volle Auswirkung aller Kräſte 
ſichert. 
Die Lehrerbildung iſt ein ausſchließliches Recht 
de3 Staates. 
Unſer Volk leidet an ſozialer, politiſcher und 
religiöſer Zerklüftung. Seine geſährdete Cinheit 
ſichert die alle Glieder der Nation umfaſſende 
ſimultane Einheitsſchule. Auf eimer Grundſchule, 
welche allen Kindern gemeinſam das erſte Wijjen 
zuführt, baut ſich das verzweigte Syſtem der 
Mittel-, Fach- und Fortbildungsſchulen bis zur 
Hochſchule auſ. 
Alle Privatſchulen, die die Kinder nach Stand, 
Vermögen oder Bekenntnis der Eltern ſondern, 
lehnen wir ab. Nichtöffentliche Schulen zur 
Ergänzung der ſtaatlichen ſind nur ausnahms- 
weiſe aus ernſten erzieheriſchen Bedürfniſſen 
zuzulaſſen. 
Der Unterricht an den öſſentlichen Schulen 
muß unentgeltlich werden. Begabten ſoll der 
Staat exſorderlichenfalls die Mittel für die 
Weiterbildung und auch für den Unterhalt wäh- 
rend der Lernzeit gewähren. 
Alle Schüler jollen mit der Geſchichte und mit 
dem Weſen der Religion vertraut gemacht wer- 
den unter Wahrung der Gewiſſensfreiheit von 
Eltern, Kindern und Lehrern. Außer dem durch 
die Konſeſſion beſtimmten NReligion3unterricht iſt 
in der Schule ein allgemeinkundlicher Unterricht 
zu erteilen; an einem von beiden muß jedes 
Kind teilnehmen. 
3. Deutſch-hannoverſche Partei (aus den Richt- 
linien von 1919). Die Wurzel unſeres Kul- 
turlebens iſt das <riſtliche Volkstum, das Ziel 
die Herſtellung einer alle Lebensgebiete um- 
ſaſſenden deutſchen Geſamtkultur auf <riſtlicher 
Grundlage. Die Wiedergeburt Deutſchlands
	        
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