Full text: Abhärtung - Exzentrisch (1)

243 
menten" jehr ſtart beſtimmt von Rouſſeau, Salz- 
mann, der Antike und bi8 zu einem gewiſſen 
Grade auch von Peſtalozzi. Wenn wir an die Be- 
vorzugung de3 Lande3 ſür den Zögling, an die 
Bedeutung ver Mutter für die Erziehung, an 
den Kampf gegen die Berweichlichung der 
Kinder, an den Kampf gegen die ſpekulative 
Methode, an die Forderung, daß der Schüler 
möglichſt viel jelbſt in der Stunde produzieren 
muß, bei A. denken, dann merken wir ſogleich die 
jtarfe Abhängigkeit von Rouſjeau. Wenn A. auf 
Der einen Seite die Jugend jich austoben laſſen 
möchte, er aber vor Überſchäßung der Gym- 
naſtik warnt, wenn er Fabeln für die Kinder in 
weiteſtem Maße herangezogen wiſſen will, wenn 
die griechijche Sprache für ihn die wichtigſte im 
Unterricht iſt, dann merken wir den Einfluß 
Platos. Salzmann3 Einfluß ſpüren wir, wenn 
A. vor allem eine Erziehung der Erzieher ver- 
langt. Beſtalozzi wirkt nach, wenn A. vor allem 
auf Anjchaulichkfeit im Unterricht dringt. Doch 
befindet jich A. nicht in ſklaviſcher Abhängigkeit 
von den genannten Männern. In der Frage 
der weiblichen Erziehung, in der Art der ſelbſt- 
tätigen Unterricht3weiſe, in der Frage, wann 
der Unterricht beim Kinde einzuſehen hat, in 
ver Betonung gewiſſer konventioneller Formen 
beſtehen große Unterſchiede zwiſchen A. und 
Rouſjeau. Auch die von Plato in ſeinem 
„Staat“ niedergelegten Anſchauungen billigt A. 
nicht durchweg. Während Plato Mann und 
Frau gleichmäßig erziehen will und von beiden 
auch das gleiche verlangt, ſträubt ſich A. da- 
gegen. Die körperliche Züchtigung, die Plato 
billigt, wird von A. im allgemeinen verworfen. 
Gegen Salzmann will er die Fabel für die Kinder 
beibehalten. Peſtalozzi iſt ihm häufig viel zu 
trodden. So iſt A. bei aller Abhängigkeit von den 
genannten Pädagogen doh innerlich ihnen 
gegenüber ſreigeblieben. Da3 Wertvolle ſeiner 
Fragmente beſteht wohl darin, daß er in ihnen 
ein gut Stü> eigener Erfahrung und eigenen 
Erlebniſjes wiedergibt. 
Literatur. Die neuere Literatur über Arndt iſt 
zuſammengeſtellt bei H. Laag: Die religiöſe Entwieklung 
E. M. Arndts (1926). Al3 Pädagoge wird A. behanvelt 
in folgenden Schriften: H. Keſerſtein: C. M. Arndt 
als Pädagog (Päd. Magazin, herau38g. von F. Mann, 
41. Heft, 1894). = N. Thiele: EG. M. Arndt als Er- 
zieher (Evang. Monatsblatt für deutſche Erziehung, 1893). 
--“Flemens Geisler: Die pädagogiſchenAnſchauungen 
ECE. M. Arndtis im Zuſammenhange mit ſeiner Zeit (ab- 
gedrudt im 11. u. 12. Heft des Pädagogiſchen Archivs, 
1905). -- Levinſtein: Erziehung8lehre EG. M. Arndts8 
(1912). Lang. 
Artikulation3baſis (phonetiſch). Bereits im 
17. Jahrhundert wies der Oxforder Profeſſor 
Zohn Wallis auf die Tatſache hin, daß ver- 
jchiedene Völker und Landſchaften zur Laut- 
bildung in der Mutterſprache ihre Sprechwerk- 
zeuge gewohnheitösmäßig verſchieden 
einſtellen. Die neuere Lautforſchung hat durch 
 
Arndt, Ernſt Moritz -- Artikulation38baſis (phonetiſch) 
 
244 
Ed. Siever3-Leipzig erkannt, daß der Laut- 
ſtand jeder Spräche beim Sprechen durch ihre 
eigenen Bildungsgeſeße beſtimmt wird: „Hat 
man die richtige Lage, gewiſſermaßen die Opera- 
tion3baſis8, einmal gefunden und verſteht man 
diejelbe beim Wechſel verſchiedener Laute feſt- 
zuhalten, jo folgen die <harakteriſtiſchen Laut- 
nüancen der Sprache alle von ſelbſt. Dieſe bei 
jedem Sprechakt gewohnheit8mäßig 
und unbewußt eingenommene Grund- 
ſtellung heißt Artikulations8baſis. Nur von ihr 
aus ſind die phonetiſchen Ginzelerſcheinungen 
einer Sprache oder Mundart zu verſtehen.“ 
Zur Artikulation3baſis im engeren Sinne 
gehört Mandlage und Mundbewegungzart: 
Lippenbeweglichfeit erzeugt klare, Lippenträgheit 
verſcwommeneVokalfarben(franzöſiſch, dagegen 
engliſch); Lippenvorſtülpung erzeugt gededkten, 
Lippenanlegung grelleren Klang. Kiefervor- 
jchieben verdumpft den Klang (engliſch), Kiefer- 
jeſtlegen vermindert ſeine Fülle (Oſtſachſen), 
ſtarker Kieſerausſchlag verhärtet ihn und ver- 
grübert ven Ablauf. Vorderzungenartikulation 
vermehrt, Hinterzungenärtikulation vermindert 
die Klarheit. Zungenrüclage, ſog. „Knödel“, 
„Floß“, erſchwert (rheiniſch), Gaumenſegel- 
öffnung, Naſalieren, erleichtert die Tragfähigkeit 
der Stimme (wieneriſch). Mäßiges Naſalieren 
erzeugt lujterregende, als wohltklingend emp- 
jundene Töne; üÜüberſtarkes Naſalieren (Teile 
Nordweſtdeutſchland8) gleichwie völliges Fehlen 
der Naſalität (Norvoſtdeutſchland) klingen jedem 
Nichtangehörigen der beireffenden Mundart un- 
luſterregend, mißtönend ins Ohr. Zur Artiky- 
lationsbaſis im weiteren Sinne gehören 
Bewegungs8gewohnheiten de3 Kehlkopfe3: harter 
oder jachter Einſaß der Vokale, geringere oder 
ſtärkere Kompreſſion der Stimmlippen mit ton- 
reinem vder geräuſchgemengtem Klang, höhere 
poder tieſere durchſchnittliche Sprechtonlage, 
Kurvenverlauf der ſog. Sprachmelodie (Nord- 
pſtdeutſchland bevorzugt härtere, Süddeutſchland 
jachtere Einſäße ; Öſterreich ſpricht mit geringſter, 
Nordoſtdeutſchland mit ſtärkſter Stimmlippen- 
preſſung; Nordſeeküſte und Bayern haben tiefere, 
Baltikum und Oſterreich höhere Durchſchnitt8- 
lage; Sprachmetodie in Frankreich zacig kurven- 
reich mit Steigtendenz, in Deutſchland gebunden, 
ſlaßer, mit Falltendenz; Baltiſch Hoch- 
hüpſjen ins Faljett, Sächſiſch allen gejamt- 
deutjichen Melodiegewohnheiten gegenläufige 
Kurven, ujw.). Ferner gehören dazu Gewohn- 
heiten de3 Atemablaufs (beim Romanen ſließen 
die Silben mit geringem zwiſchenliegenden 
Drucknachlaß ineinanver über, beim Deutſchen 
wird nach tiefergreiſendem Drucknachlaß be- 
ſtimmt neu eingeſetzt). All dieſe im engeren oder 
weiteren Sinne zur Artikulation8baſi8 einer 
Sprache gehörigen Teilgewohnheiten haben, ge- 
meſſen an dem anatomijch-phyſiologijchen Bau 
 
r.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.