Full text: Frohe Saat - 1.1924 (1)

Beilage zur Pädagogischen Post in Bochum. 
Larbretongrn, Anregungen vnö Vorfchtägr aus 0er Schulpraxis ♦ Erscheint monatlich einmal ♦ Sonöerbczug ist ansgrfchloffra. 
Nummer 1 
Mittwoch, den LS. Mai 1924 
1. ^alsrgang 
Inhalt: Bor neuen Ausgaben. — Wie ich den X. Gesang auS Webers Dreizehnlinden: ,Ilus der Diugstätte" in eurer Knaben- 
klaffe behandelt habe. — Dreizehn Linden als Klassenlektüre in der Volksschule. — Aus nleiner Werkstatt. 
Vor neuen Aufgaben. 
Bon Hauptlehrer M- Backes, Call (Eifel) 
In Nr. 7 der P. P. wirft Herr Kollege Schlieper die Frage 
auf, wie wir beim neuen Leseunterrichte über gewisse Bedenklich 
keiten hinwegkommen sollen. Cr möchte insbesondere von Herrn 
Stadtschulrat Weigl, der in »Wesen und Gestaltung der Arbeits 
schule" die Nibelungen von Hebbel als Klasscnleklüre empfiehlt, ge 
sagt haben, was er mit etwa eurem Dutzend „b-edenklichcr" Stellen, 
die in der von Weigl empfohlenen Ausgabe der Nibelungen aus 
der Sammlung »Quellen" enthalten sind, anlange. Herr Schlieper, 
der auf die Nibelungen als Klassenlektüre nicht verzichten möchte, 
will der Schwieriokest dadurch aus dom Wege gehen, daß er eine 
revidierte Ausgabe benutzt, etwa die von Schöningh. So würde ich 
es vorläufig auch noch machen. Aber ich glaube, daß wir hier vor 
einer überaus wichtigen Frage stehen, an der wir uns nicht länger 
vorbeidrückcn dürfen, und meine Zeilen verfolgen nur Len Zweck, 
Aeußerungen Berufener herbeizuführen. 
Cs war in der Vergangenheit ziemlich einfach, das Nichtige zu 
treffen. Stach altüberkommener Gepflogenheit hat man eben alles 
von der Zugend fern gehalten oder fernzuhalten versucht, was 
ängWche Gemüter „anstößig" hatten finden können. Fast einzig 
und allein darauf war unsere Jugendschriftenkritik sehr lange ein 
gestellt, und inan täusche sich nur ja nicht, auch heute noch wird 
von vielen »literarischen Erziehern" nach dem alten Schema „be 
urteilt". Da ist es nicht zu verwundern, wenn die Schränke 
rnanclzer Bibliotheken mit »einwandfreiem" Kitsch gefüllt sind, und 
Die gute Dichtung dem Volke fremd blieb. Cs ist traurig, aber 
leider nur zu wahr, datz e£ einem großen Teile der literarischen 
Berater des Volks und der Jugend noch gar nicht aufgegangen ist. 
um was es eigentlich bei der Buchkrrtik geht. Cs darf bei der setzt 
in griffserem Umfange einsetzenden Klaffenlektüre nicht zu ähnlichen 
Zuständen kommen. Das immer und immer wieder mit Nachdruck 
zu sagen, halte ich aus guten Gründen für recht notivendig. Die 
weitverbreitete, gänzlich falsche, oberflächliche Auffassung vom 
Wesen des literarischen Kunsckverkes ist eine gefährliche Klippe für 
den neuen Leseunterricht. Eine andere ist die oben erwähnte 
Aengstlichkeit dem „Anstößigen" gegenüber, auch sie könnte manck)en 
bewegen, statt echter Dichtung literarisches Nkittelgut zu nehmen. 
Ich halte es für unsere ernste Pflicht, alles zu tun, um hier zu 
einer klaren Stellungnahme zu gelangen. 
Mit den Mbelungen ist es mir ähnlich ergangen wie Herrn 
SchLeper. Ms ich vor einigen Jahren die Verantwortung für 
eine Jugendschriftenaussiellung zu tragen hatte, brachte ich es 
nicht über mich, das Drama (Ausg. d. ./Quellen") dem VolksschulaUer 
zuzuweisen, ich stellte es vielmehr im Einverständnis mit meinen 
Mitarbeitern für die reifere Jugend aus. Also müßten wir nach 
altgewohntem Rezept das Werk von der Klaffenlektüre auch aus- 
schließen. Mit „gereinigten" Ausgaben ist es auch eine eigene 
Sache, worauf ich später zurückkomme. Llber legen wir uns doch 
einmal allen Ernstes die Frage vor: Verlangen die Zeitverhältivffe 
von uns vielleicht ein Unckernen? Unsere Jugend ist eine andere 
geworden, die gesäurten Kulturvcrhaltnisse sind anders geartet, ins 
besondere sind bezüglich des Lesens unsere Zeiten mit denen vor 
20 Jähren nicht zu vergleichen. H. Falkenberg meinte schon 15)20, 
fcoft unsere Jugend mit 18, 16, ja 14 Jahren an Erfahrung und 
Steife des Verstandes und Gemütes gar nicht selten höher stehe alS 
Dreißigjährige einer älteren Zeit. (In „Auf der Wacht", 1. Jahrg. 
Nr. 6.) Das mag anfechtbar erscheinen, aber mir drängt sich immer 
mehr der GedaDe auf, daß wir bezüglich der geschlechtlichen Dinge 
die Kinder unserer ältesten Jahrgänge doch zu sehr als Kinder an 
sehen, und daß wir aus beguemer Sehe« uns einer ernsten Pflicht 
entzielien., wenn wir im Unterricht diesen Dingen immer ängstlich 
aus dem Wege gehen. Könnten wir uns zu einer ernsten sexuellen 
Aufklärung (oder bester „Verklärung") entschließen, so dürften doch 
dre Bedenklichkeiten bei der Lektüre zum guten Teil weggeräumt 
sein. Noch vor kurzer Zeit war ich der Ansicht, daß nwtn die 
Schäle mt der heiklen Ausgabe der AuMrurm verschonen mäste. 
Ich habe meine Meinung geändert und bedauere, daß mich gewiss« 
Stücksichten zur Zurückhaltung nötigen, urtd ich mochte fast eine« 
mir befreundeten Kollegen beneiden, der von seiner Elternschaft ge 
beten wurde, das ernste Problem mit den größeren Schülern z« 
behandeln. Ein guter Teil der Schüler unserer beiden letzten Jahr 
gänge dürfte wissend sein. Woher haben sie die Belehrungen er 
halten? Sicherlich nicht iu ferner Form durch einen ernsten Er 
zieher. Muß sich bei den Kindern nicht die Ansicht festsetzen, daß 
man von diesen Diugen überhaupt nichr ernst reden könne, sondern 
nur ,in zotiger Weise? Wieviel Schmutz mögen die Jugendlichen 
schon gehört und geredet haben, wenn man ihnen auf Grund ihre- 
Mters das Stecht zum Mitreden einräumt? Statürlich dürste die 
Lektüre den unmittelbaren Anlaß zur Aufklärung nutzt geben, 
aber ich bin sehr geneigt zu glauben, daß es ein großer Vorteil 
wäre, wenn frühere Aufklärung uns in die Lage versetzte, die frag 
lichen Stellen in unbefangener, ernster Weise lesen zu können, und 
diese ernste Lesung dürfte doch mit dazu beitragen, »das Geschlecht 
liche von dem „reizvollen" Sttmbus des Geheimnisvollen oder an 
sich Unerlaubten zu entkleiden". (Liertz, Wanderungen durch das 
gesunde und kranke Seelenleben bai Kindern mrü Erwachsenen. 
Kösel und Pustet, Atünchen. S. *3.) Wem von uns, der schon 
länger unterrichtet, ist es nicht schon einmal passiert, daß bei der 
herrlichen Bibelstelle von der Seligpreisung Dcariä (3. Fa'tcn« 
sonntag) das eine oder andere Kind hinter dem Stücken des Vorder 
mannes zu lachen.versuchte? Dian bvinge die Worte mit Wärme 
und Eindringlichkeit dem Genrüte der Kinder näher, suche ihnen 
möglichst ihre ganze Schönheit zu erschließen, und es wird sich Line 
Versuchung zum Lachn: mehr zeigerr. Ich würde es ganz für ver 
kehrt halten, wenn man an den Worten, die das Kind doch in seiner 
Schulbibel stellen hat, stillschweigend vorbeiginge. — Ich erinuere 
mich, irgendwo gelesen zu haben, daß man eine Kmegsnovelle von 
Detlev v. Liliencron dadurch für Kruder brauchbar machen fön«, 
indem man einen Satz mit Tinte unkenntlich mache. Ich meine, 
auch das tun wir lieber nicht, es könnte übel mißraten. Tretet auf 
den Plan, «ihr Berufenen, und äußert euch! 
Und nim zu andern Bedenklichkeiten! In Rr. 17 glaubt Kol 
lege Scheufgen eine von ihm früher gegebene Empfehlung eines 
Leseblattes einschränken z« müssen, weil zu seiner unangenehmen 
Ueberraschung in einer neuen Nr. des Mattes eine Stelle kam, die 
mit unserer katholischen Weltanschauung nicht im Entlang steht. 
Er hat die betreffende Skr. den Kindern vorenthalten. Ich möchte 
hier nicht entscheiden, ob Scheusgens Maßnahuren notwendig oder 
gut waren, noch weniger möchte ich jetzt zu der Frage des Lese 
blattes an sich Stellung nehmen, vielmehr soll einmal ganz allge 
mein die Frage aufgeworfen sein: Wie machen wir es, wenn ei» 
Buch, das an sich wertvoll und in seiner Gcsamthaltung auch ein 
wandfrei ist, aber vielleicht eine vereinzelte Stelle enthält, die ei« 
andere als unsere katholische Weltanschauung verrät? Ich erinnere 
an den Streit um Storm's Pole Poppenspäler, im dem die Sätze 
stehen: »Lisei war, wie ihre Eltern, katholisch; dcrß aber das ei» 
Hindernis für unsere Ehe sein könne, ist uns niemals eingefallen. 
In den ersten Jahren reiste sie wohl zur österlichen Beichte nach 
unserer Äürchbarstadt, wo, wie du weißt, eine katholische Gemeinde 
ist; nachher hat sie ihre Kümmernisse nur noch ihrem Ltarme ge. 
beichtet." Seit einigen Jähren können wir uns bet diesem Werke 
recht einfach helfen, indem wir eine Ausgabe nehmen in der die 
angeführten Sätze gestrichen sind, etwa die auS »Hausens Bücherei" 
oder »Deutsches Gut". Die Streichung war hier umso berechtigter, 
als die ursprüngliche Fassung Storms die Stelle nicht gehabt habe» 
soll. Wie aber, wenn der gute Storm noch auf andere Weise seine» 
Weg ins Volk mid zur Jugend sucht, was wir doch sicher nicht be 
dauern, sorrüern begrüßen werden? Kommt mir da ein wlüdel und 
sagt, als ich den neugekauften Pole Poppenspäler aus „Deutsches 
Gut" austeilen will: „Hier, Herr Lehrer, ich habe das Buch schon 
von meinem Vater, kann ich das in der Klaffe benutzen?" Es war 
eine andere Ausgabe. Ich hieß dem Kinde sein Buch und der Le 
sung ihren Gang. Die unlstrittene Stelle ließ ich von dem betref 
fenden Kinde aus seinem Buche vorlesen, und ich selbst las sie auch 
meiner Storm-Ausgabe noch eimnal vor mit der Blufforderung, die 
Easse möge dazu nchrrre«- Die Schüler unserer letzteq
	        
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