Full text: Evangelisches Schulblatt - 44.1900 (44)

März 1900. 
I. Abteilung. Abhandlungen. 
Inwiefern kann die Schule mithelfen an der Lösung der 
socialen Frage der Gegenwart? 
Eine Ansprache. 
Die sociale Frage ist die brennende Frage der Gegenwart. Riesengroß 
steht sie vor unseren Augen. „Wenn nicht von verschiedenen Seiten her in ver 
schiedenen Beziehungen Wandel zu einer Besserung der Zustände geschafft wird, 
so gehen wir schrecklichen Dingen entgegen, gegen welche die Stürme des Bauern 
krieges vielleicht ein Geringes waren," sagt ein Kenner, dem wir ein gesundes 
Urteil über die sociale Lage und Frage der Gegenwart zutrauen dürfen. 
Was versteht man aber unter der socialen Frage? Wie der Name sagt, 
die Frage bezüglich der soeistas, der Gesellschaft; bestimmter: der besten Form 
der menschlichen Gesellschaft, oder auch die Frage, wie das Gemeinschaftsleben 
der Menschen am besten geregelt werden kann. Als Kern der socialen Frage 
in der Gegenwart dürfen wir die Frage bezeichnen, nach welchen Regeln die 
Verteilung der Güter herzustellen ist, so daß der Arbeiter dabei den seiner Arbeit 
wie seinen berechtigten Bedürfnissen entsprechenden Lohn erhält. 
Es liegt in der Natur der Sache, daß es sociale Fragen und Probleme, 
die in ihrer Summe die sociale Frage ausmachen, zu allen Zeiten und bei 
allen Kulturvölkern gegeben hat. Griechenland hatte seine sociale Frage 
vornehmlich zur Zeit der Perserkriege und nach denselben, als der Demos, das 
Volk, nach größerer Gleichberechtigung mit der Aristokratie strebte; und Rom 
hatte sie, als die Plebejer im Kampfe mit den Patriziern um Anteil 
nahme am ager publicus und dgl. lagen. Sie kennen ja das Gleichnis 
vom Magen und den Gliedern, wodurch Menenius Agrippa die Plebejer zur 
Rückkehr vom hl. Berge in die Stadt Rom bewogen. Rom stand vor einem 
socialen Problem schwieriger Art, als die unterdrückten Volksklassen, vornehmlich 
die Sklaven zur Zeit der Gracchen der herrschenden Latifundienwirtschaft ent 
gegentraten. Im deutschen Mittelaller ward die sociale Frage lebendig, als 
die Bauern nach Befreiung von der Leibeigenschaft, der Feudalherrschaft, dem 
lästigen Steuerdruck rangen. In Frankreich führten sociale Probleme zur 
blutigen Revolution am Ende des vorigen Jahrhunderts. 
Und was Wunder, daß es sociale Probleme und eine sociale Frage zu 
allen Zeiten gegeben hat! Mit der Gewalt eines Naturgesetzes drängt sie 
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