März 1900.
I. Abteilung. Abhandlungen.
Inwiefern kann die Schule mithelfen an der Lösung der
socialen Frage der Gegenwart?
Eine Ansprache.
Die sociale Frage ist die brennende Frage der Gegenwart. Riesengroß
steht sie vor unseren Augen. „Wenn nicht von verschiedenen Seiten her in ver
schiedenen Beziehungen Wandel zu einer Besserung der Zustände geschafft wird,
so gehen wir schrecklichen Dingen entgegen, gegen welche die Stürme des Bauern
krieges vielleicht ein Geringes waren," sagt ein Kenner, dem wir ein gesundes
Urteil über die sociale Lage und Frage der Gegenwart zutrauen dürfen.
Was versteht man aber unter der socialen Frage? Wie der Name sagt,
die Frage bezüglich der soeistas, der Gesellschaft; bestimmter: der besten Form
der menschlichen Gesellschaft, oder auch die Frage, wie das Gemeinschaftsleben
der Menschen am besten geregelt werden kann. Als Kern der socialen Frage
in der Gegenwart dürfen wir die Frage bezeichnen, nach welchen Regeln die
Verteilung der Güter herzustellen ist, so daß der Arbeiter dabei den seiner Arbeit
wie seinen berechtigten Bedürfnissen entsprechenden Lohn erhält.
Es liegt in der Natur der Sache, daß es sociale Fragen und Probleme,
die in ihrer Summe die sociale Frage ausmachen, zu allen Zeiten und bei
allen Kulturvölkern gegeben hat. Griechenland hatte seine sociale Frage
vornehmlich zur Zeit der Perserkriege und nach denselben, als der Demos, das
Volk, nach größerer Gleichberechtigung mit der Aristokratie strebte; und Rom
hatte sie, als die Plebejer im Kampfe mit den Patriziern um Anteil
nahme am ager publicus und dgl. lagen. Sie kennen ja das Gleichnis
vom Magen und den Gliedern, wodurch Menenius Agrippa die Plebejer zur
Rückkehr vom hl. Berge in die Stadt Rom bewogen. Rom stand vor einem
socialen Problem schwieriger Art, als die unterdrückten Volksklassen, vornehmlich
die Sklaven zur Zeit der Gracchen der herrschenden Latifundienwirtschaft ent
gegentraten. Im deutschen Mittelaller ward die sociale Frage lebendig, als
die Bauern nach Befreiung von der Leibeigenschaft, der Feudalherrschaft, dem
lästigen Steuerdruck rangen. In Frankreich führten sociale Probleme zur
blutigen Revolution am Ende des vorigen Jahrhunderts.
Und was Wunder, daß es sociale Probleme und eine sociale Frage zu
allen Zeiten gegeben hat! Mit der Gewalt eines Naturgesetzes drängt sie
7